Von Sehnsüchten und Vergänglichkeit
Apfelträume
Es war Herbst geworden, mitten auf einer großen Obstwiese hing der kleine Apfel rot leuchtend in den Ästen des alten Apfelbaumes. Irgendwas hatte ihn gerade fürchterlich gepickst. Es summte und brummte um ihn herum, aber er konnte sich nicht so recht erklären was da passiert war. Irgendwie war es unangenehm gewesen und er schüttelte sich leicht im Wind.
Schnell vergaß er diesen Piekser und ließ sich von der warmen, goldenen Herbstsonne bescheinen, bis seine Apfelbäckchen noch kräftiger leuchteten.
Eines Morgens kam ein Mann auf die Streuobstwiese. Bei sich trug er einen Weidenkorb und eine Leiter. Erstaunt schaute der kleine Apfel ihm zu und fragte sich was nun geschah. Er sah zu wie der Mann den Korb auf die Wiese stellte, die Leiter an den Baum lehnte, sie auf Standfestigkeit überprüfte und dann in den Baum hinauf stieg. Sorgsam besah er sich die Äpfel und pflückte einen nach dem anderen ab, um sie vorsichtig in dem Korb abzulegen. Manchmal hörte der kleine Apfel den Mann murmeln: „In dir wächst wohl ein Würmchen." Ein Würmchen? Der kleine Apfel dachte darüber nach was das wohl bedeuten möge und er fragte eine dicke Hummel, die sich eine Weile auf ihm ausruhte: „Sag mal, weißt du etwas über Würmchen die in uns Äpfeln wachsen können?" Und die Hummel wusste tatsächlich etwas, sie erzählte ihm von fliegenden Gesellen die ihre Eier in Äpfel legten, aus denen dann kleine Würmer schlüpften, die die Äpfel von innen langsam auffraßen, um wachsen zu können und dann selbst zu fliegenden Gesellen zu werden. Sie wollten nichts anderes als eines Tages fliegen können. Aufmerksam hörte der kleine Apfel zu und fragte weiter: „Wie kommen die Eier denn in uns rein?" „Sie werden reingestochen, vermutlich piekst es nur ein bisschen!" Entsetzt dachte er an den Piekser den er gespürt hatte ..., was , wenn er auch solche komischen Dinger in sich hätte? Eier von fliegenden Gesellen.
Aber die Hummel war schon weiter geflogen, so dass er von ihr keine Antwort mehr bekommen konnte, aber er war jetzt fast sicher, er beherbergte einen Wurm. Nun wurde der kleine Apfel ein bisschen traurig, von innen aufgefressen würde er also nun ... Das war keine angenehme Vorstellung.
Da bemerkte er, dass der Mann, der sich schon die ganze Zeit am Baum zu schaffen machte, seine Hand nach ihm ausstreckte und schwupps, eh er sich versah, war er vom Baum getrennt und lag in der Hand des Mannes. Wie sanft er ihn anfasste und wie vollkommen sich die Hand um ihn schloss. Plötzlich fühlte er sich gut aufgehoben in dieser Hand. Sie war weich, groß und warm, fast so warm wie die Herbstsonne. Der Mann stieg von der Leiter und legte den kleinen Apfel ganz sanft, fast zärtlich und behutsam oben auf seinen Korb. Nun trug der den vollen Korb über die Wiese ins Haus. Er stellte ihn in der Küche auf einer Bank ab und verließ den Raum. Der kleine Apfel schaute sich um so gut er konnte und fragte sich was nun wohl geschehen würde. Aber es passierte nichts. Die Zeit verging und der Korb stand ganz einfach auf der Bank. Nach einer Weile wurde der kleine Apfel müde und schlief ein. Dann aber schreckte er plötzlich auf, denn im Korb rumpelte es ein wenig. Da war sie wieder die Hand, die ihn so sanft getragen und gehalten hatte. Aber sie strich nur sacht über ihn weg, nahm einen anderen Apfel in die Hand und ging wieder, den anderen Apfel aber nahm sie mit. Traurig blieb er zurück und träumte von der Wärme dieser Hand. Er sehnte sich nach Wärme, die Sonne schien zwar durch das Küchenfenster in die Küche, aber sie reichte nicht bis zur Bank. So döste der kleine Apfel Tag für Tag vor sich hin und bald spürte er hin und wieder ein sachtes Rumpeln in seinem Bauch ..., dann ein leises Schmatzen und rumoren ... „Das Würmchen wächst.", dachte er traurig.
Es geschah immer wieder, dass die Hand in den Korb langte, ihn ab und an kurz berührte, dann aber doch einen anderen Apfel mitnahm. Jedesmal wurde der kleine Apfel ein weniger trauriger, denn er wusste, dass Würmchen würde weiter wachsen und ihn auffressen, aushöhlen, ihn langsam von innen verzehren. Noch sah man es ihm nicht an, er war immer noch prall, saftig, hatte rote leuchtende Bäckchen. Aber wie lange noch?
Jeden Tag kam die Hand in den Korb, sie nahm ihn sogar manchmal hoch, schaute ihn an. Wie wohl er sich dann fühlte, aber sie legte ihn jedesmal wieder zurück. Und jedesmal, starb der kleine Apfel vor Enttäuschung und Trauer ein bisschen mehr, denn er wusste bald würde er nicht mehr so schön aussehen. Er hatte in den Tagen im Korb gesehen was aus den Äpfeln wurde die einen Wurm in sich trugen. Sie wurden runzelig und bekamen hässliche, braune Flecken.
So dachte der kleine Apfel voller Wehmut und Sehnsucht an die Zeit als er noch mit dem Apfelbaum verbunden war, an die Wärme der Sonne, an das Summen der Hummeln und Bienen und an das Gezwitscher der Vögel. Er wusste bald würde sich keine Hand mehr nach ihm ausstrecken und erhoffte, dass die Hand ihn recht bald mit Wärme umschloss, bevor er hässlich, runzelig und trocken wurde.
Ausgehöhlt und ausgezehrt von einem kleinen Wurm, der auch eine Sehnsucht hatte. Seine Sehnsucht war es endlich aus dem dunklen Inneren des Apfels zu kommen, frei zu sein und zu fliegen.
© szintilla 2007
Ich hatte die Geschichte vor langer Zeit schon einmal im Blog, augenblicklich passt sie grad zur Stimmung deshalb erlebt sie einen zweiten Auftritt ...
