Seelenschleier

Seit Tagen schon, an jedem Morgen
steht er da, ganz ohne Sorgen,
lebt sein Leben ganz im Jetzt
und hat seinen Platz besetzt.
Rank und schlank steht er am Weiher,
graues Federkleid - der Reiher.
Durch die feuchte Wiese stelzend,
niemals sich am Boden wälzend,
lebt er für den Augenblick,
kennt nicht Trauer oder Glück.
Stolz und aufrecht steht der Reiher
umweht von sanftem Nebelschleier.
Wüsste er um Zeit und Raum
hätt' auch er 'nen Lebenstraum?
Was würd' er wünschen für sein Morgen?
Und hätte er wohl Lebenssorgen?
Was würd' er fürchten dieser Reiher?
Adler, Weihen oder Geier?
Jeden Morgen steht er wach
an den Ufern von dem Bach,
der munter sich durch Felder schlängelt
und ebenfalls nie was bemängelt.
So zeigt mir dieser treue Reiher,
ein Leben ohne Seelenschleier.
Jeden Morgen, schon seit Tagen,
stell ich ihm dieselben Fragen:
"Sag mir Vogel wie man lebt,
wie man täglich aufrecht steht?
Wie man trotz des Nebels Schleier,
stolz und aufrecht steht am Weiher."
Bild und Text © 2009 Szintilla