Arbeitsmarktsituation und Folgen
Ein Manuskript, das ich derzeit schreibe, behandelt unter anderem in einem Kapitel auch die derzeitige Arbeitsmarktsituation. Ganz konkret an einem Beispiel festgemacht und dokumentiert. Es ist erschreckend auf was ich stoße und recherchiere. Lese ich dann z.B. Artikel über Rentner, die immer mehr in schlecht bezahlten Minijobs arbeiten und gemutmaßt wird, dass sie sich in der Arbeit verwirklichen wollen (beim Regaleeinsortieren oder Briefeaustragen), dann ist das mehr als zynisch. (gestern und vorgestern in der Presse) Der Großteil wird arbeiten müssen, weil das Geld hinten und vorne nicht reicht. Wenn nicht bald ein Umdenken stattfindet und Gesetze geändert werden, wird das in den kommenden Jahren ein Desaster geben, denn es gibt viele Möglichkeiten in Altersarmut zu rutschen.
Eine Möglichkeit: Vor einigen Jahren wurde, aufgrund der vielen Arbeitslosen und der sich dramatisch verschlechternden Arbeitsmarktlage, vom Arbeitsamt Selbstständigkeiten massiv unterstützt und gefördert. Wer sich aus der Arbeitslosigkeit heraus selbstständig machte, eine Ich-AG gründete oder Überbrückungsgeld in Anspruch nahm, wurde mit Rat und Tat unterstützt und in eigens dafür geschaffene Existenzgründerseminare geschickt. Schließlich brachten Existenzgründer dem Amt geschönte Statistiken. Jeder Ein-Mann-Betrieb, der gegründet wurde, war ein Arbeitsloser weniger. Heute geht es vielen, dieser mehr oder weniger in die Selbstständigkeit verlockten, gezwungenen, gedrückten Selbstständigen so, dass sie als Aufstocker in SGB II landen. Das heißt, sie verdienen mit der Selbstständigkeit zum Leben nicht genug und zum Sterben zu viel. Viele sind gezwungen den Gang zum Arbeistamt anzutreten, um sich den kargen eigenen Verdienst bis zum Existenzminimum aufstocken zu lassen, denn ein zurück in den ersten Arbeitsmarkt gibt es für viele Ältere kaum. Aber es gibt "nette" andere Möglichkeiten die Arbeitskraft dieser Menschen gewinnbringend in der Gesellschaft zu verwerten.
Das nachfolgende Gespräch ist fiktiv, gründet sich aber auf die derzeitige Rechtslage und die gehandhabten Praktiken. Es könnte sich in oben geschilderter Situation (Selbstständiger/Aufstocker) so anhören.
FallmanagerIn: „Sie sitzen zu viel herum!"
Kunde: „Wie meinen Sie das?"
F: „Ja , Sie sitzen zu viel herum, was Sie brauchen ist Bewegung!"
K: „Ah, ja. Ich laufe, ca. eine Stunde am Tag, das nennt man Joggen und das IST Bewegung!
F: „Nein, das meine ich nicht, Sie brauchen berufliche Bewegung, eine Tagesstruktur, regelmäßige Tagesabläufe, Dinge die den Tag strukturieren!"
K: „Wieso gehen Sie davon aus, dass ich das nicht habe?"
F: „Weil Sie arbeitslos sind!"
K: „Heißt arbeitslos zu sein gleich unstrukturiert, desorientiert, planlos zu sein."
F: „Nicht generell, aber meistens - nein, oft, ist das so!"
K: „Ich bin aber nicht arbeitslos. Ich arbeite, leider gibt es nur für die Arbeit die ich zur Zeit mache kaum, bis gar kein Geld oder ich habe zuwenig Arbeit!"
F: „Das IST so gut wie arbeitslos! Sich die ganze Woche auf ein, zwei Events freuen und ansonsten warten, ob das angestarrte Telefon klingelt ist nicht genug Bewegung. Es gibt ein Arbeitsangebot für Sie. Besser bekannt unter dem Namen 1,50 € Job! Ich möchte, dass sie das annehmen. 20 Std. die Woche."
K: „Theoretisch kann ich das ablehnen ..."
F: „Ja, aber dann wird der Regelbezug, um 30% von Hundert, für drei Monate, gekürzt."
K: „Also bleibt mir praktisch keine andere Möglichkeit, als es anzunehmen, denn das Existenzminimum brauche ich zum Leben. Deshalb heißt es so, auf ein Drittel davon kann ich nicht verzichten!"
F: „Also, 20 Std. pro Woche, macht 30€ in der Woche, mal vier, macht 120€ Einkommen im Monat.
K: „Das ist eine Halbzeitstelle für 120€? 40 Stunden in der Woche wäre Vollzeitbeschäftigung ..."
F: „Ja!"
K: „Aber, das ist ein Witz!"
F: „Nein, das ist die Möglichkeit einen Fuß in den Arbeitsmarkt zu bekommen!"
K: „Also 20 Std. in der Woche für 30 €. Die Fahrstrecke zur Arbeit und zurück sind ca. 35 Km "
F: „Das fahren andere auch!"
K: „Ja, ich weiß, DAS Fahren ist auch nicht das Problem, aber Moment ..."
Kunde - kurze Rechenpause des Selbstständigen:
- 35 km mal 0,30€ (Höhe des Kilometerbetrages, der für den Gebrauch des eigenen PKWs bei der steuerlichen Rechnung angesetzt wird – Versicherung, Benzin, Steuer, Wertverlust durch Abnutzung und Verschleiß – wobei schon das ein Witz ist und die tatsächlichen Kosten, bei den aktuellen Benzinpreisen, damit nicht gedeckt sind ), macht also 10,50 € Fahrtkosten (all incl.) pro Tag, mal fünf Tage in der Woche ergibt 52,50€ Kosten mit dem eigenen PKW. Abzüglich 30€ Euro Verdienst ...
K: „ ... dabei zahle ich wöchentlich 22,50€ drauf, mal vier Wochen ergibt das einen Betrag von 90 € der vom Existenzminimun abgezwackt werden muss - für die diffuse Möglichkeit einen Fuß in die Tür der "normalen" Arbeitswelt zu stecken!? Nicht eingerechnet sind eventuelle anfallende Parkgebühren und Mehraufwandskosten."
F: „Die Mehraufwandskosten sind die 1,50€. Das sollte Ihnen die Möglichkeit wert sein!"
K: „Wie kann aber das Existenzminimum willkürlich durch die Aufnahme einer Arbeit gekürzt werden, wo es doch Existenz-MINIMUM heißt? Das Minimum minus 90 € ist weniger als das Minimum, das zur Existenz benötigt wird."
F: „Aber Sie arbeiten doch, bekommen Lohn und außerdem dürfen sie pro Kilometer 0,10€ Fahrtkosten zur Arbeit geltend machen!
Kunde - nochmal kurze Rechenpause:
- Also 10,50€ pro Tag errechnete Fahrtkosten (Verschleiß, Benzin, ect) minus 3,50€ pro Tag anrechnungsfähiger Betrag auf SGB II bleiben 7€ Kosten ffür mich, mal 4 Wochen macht 28€ Kosten. Verdienst = 30€, also 30-28=2 Euro.
K: „Tatsächlich, stimmt es bleibt etwas übrig. Ein realer Verdienst von 2 Euro für 20 Stunden Wochenarbeitszeit. 8 € im Monat. Wow!"
F: „Und Ihr Tag hat Struktur und vielleicht ergibt sich eine dauerhafte Arbeitsmöglichkeit."
K: "Vielen Dank, für diese Möglichkeit und auf Wiedersehen nach dieser Maßnahme!"
~ ~ ~
Wer sich wegen div. Niedriglöhne von 6.50€ im normalen Arbeitsmarkt oder die Zustände der Arbeitssituation in so genannten Dritte Welt Ländern beklagt, der sollte auch über die Praxis unseres so genannten Sozialstaates nachdenken, der nichts anderes als legalen Sklavenhandel, mit dem von ihm produzierten Arbeitslosen, betreibt. Wo keine qualifizierte Arbeit zu vergeben ist, Menschen über nicht genügend Geld verfügen gute Handwerksarbeit oder Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, dort ist durch Zwangsmaßnahmen in Mithilfe- und Unterstützungsjobs keine dauerhafte Arbeit (die den Lebensunterhalt abdeckt) zu finden. Einzig die Maßnahmeträger freuen sich über spottbillige Zeit-Arbeitskräfte und die Sachbearbeiter über geschönte Statistiken, weil wieder einmal jemand für wenige Wochen aus der Betreuung fällt und in einer Maßnahme untergebracht wurde.
Würde ein Freiberufler einen Stundenlohn von 1,50 € ansetzen, (und würde er seine Arbeitskraft derart verramschen), könnte er niemals genug Stunden in der Woche arbeiten, um davon zu existieren. Selbst eine 90 Stunden Arbeitswoche brächte nur einen Verdienst von 135€. Wie also bitte erklärt sich dieses Modell, der möglichen Kürzung des Existenzminimums durch Aufnahme von Arbeit, als Hilfe für Arbeitslose oder Aufstocker? Vielleicht kann mir jemand helfen, ich scheine zu blöd zu sein. Wenn Leistung nicht belohnt, sondern bestraft wird, was macht sie dann für einen Sinn?
Wohin ich schaue, mich graust es.
Ob es die immer mehr verarmenden Rentner sind (die, ach, welche Wunder, immer öfter in Nebenjobs oder unattraktiven Minijobs zu finden sind, weil sie so fürchterlich gerne noch bis 75 Jahre oder länger arbeiten – wie gestern in der Tagespresse zu lesen - das IST zynisch), die immer weitere Rausschiebung des Renteneinstiegsalter nach hinten, die trotz verlängerter Lebensarbeitszeit, aber durch Niedriglöhne sinkenden Renten, die Leistungskürzungen im Sozialbereich, denen aber regelmäßig Diätenanpassungen (natürlich nach oben) unserer Politiker gegenüberstehen oder die Abschiebung der unter Dreijährigen in Kitas, damit auch die Mütter, mindestens in Teilzeit zu Niedriglöhnen arbeiten können, um ihre Männer beim zu finanzierenden Lebensunterhalt mit ihren Niedriglöhnen zu unterstützen. Zwei fleißige Niedriglohnverdiener, die gemeinsam ihren Familien-Lebensunterhalt erarbeiten und in 50 Jahren zusätzlich zur Rente (falls es das Modell Rente bis dahin noch gibt) bis zum Existenzminimum aufstocken müssen.
Mord-und Totschlag aus Existenzangst und wirtschaftlicher Not (wie in der Presse immer häufiger zu lesen ist), Selbstmord aus Verzweiflung und eine Rekordanstieg von Depression und anderen psychischen Erkrankungen wundern mich nicht mehr. Den Berufsstand der Psychologen dürfte es freuen, sie werden mehr Arbeit genug haben. Vielleicht sollten wir alle Arbeitslosen die jung genug sind zu Psychologen ausbilden.
Dieses Gesellschaftsmodell selbst ist krank und gehört genau beleuchte. Wer soll bei diesen Praktiken geistig und körperlich gesund bleiben? Denn das die Psyche Auswirkungen auf den Köper hat, muss nicht extra erwähnt werden.
Aber vielleicht, nur ganz vielleicht, ist das alles so gewollt, denn ein verängstigtes, unter der Fuchtel und dem Druck eines Amtes (das als Handlanger des Staates fungiert) stehendes Volk, ist leichter zu steuern und in Zaum zu halten, als ein gesundes, selbstbewusstes.
Es fragt sich nur, wie lange noch ...