Meine Wildnis
Fülle in Reinform. Es blüht in allen Farben. Ringelblumen, Schlafmützchen, Mohn, Lein, Kornblumen, Salbei, Mageriten, Bartnelken, Gartennelken und und und ...
Jeder der bisher um diese Jahreszeit in meinen Garten kam, fand das toll, so schön, so bunt und wenn ich dann sagte: Das kannst du doch auch umsetzen, im Garten oder auf dem Balkon, denn das geht auf dem kleinsten Raum, es reicht ein Balkonkasten, dann hörte ich aber immer. "Ach, nee, das macht zu viel Arbeit."
Eine ziemlich dünne Ausrede, denn wenn etwas keine Arbeit macht ist es ein Stückchen Land verwildern zu lassen. Lediglich einmal im Jahr, wenn die Blütezeit vorbei ist und die Samen fallen, schneide ich die langen Blütenstängel zurück und das wars dann. Das macht weniger Arbeit als einmal in der Woche den Rasen zu mähen. Was also hält die meisten Menschen wirklich davon ab? Die uns angeborene "deutsche" Ordnung?
Alles muss grade und akurat sein, übersichtlich und ordentlich. Aber die Natur ist nicht gradlinig, sie ist nicht übersichtlich, im Gegenteil, sie ist ein wohlgeordnetes, fröhliches Durcheinander, in dem Blühen und Vergehen dicht beieinander liegen. Das wirkt wie Chaos, aber Chaos mag keiner in seinem Garten haben. Warum? Weil das eigene innere Chaos nicht beherrschbar ist und dann dafür wenigstens im Außen alles glatt sein muss ...
Mir sagte einmal in einem psychologischen Studium ein Ausbilder: "Wer sein Innenleben nicht aufgeräumt hat, der versucht zwanghaft sein Außen in Ordnung zu halten. Wer dagegen im Innenleben alles geordnet hat, den stört kein äußeres Chaos." Ein bisschen was ist sicher dran.
Wenn das große Blühen vorbei ist, nimmt auch mein Garten wieder wohlgeordnetere Formen an.