Nächtliche Begegnung
Spannend sind Wege in der Dunkelheit. Ein bisschen Grusel, ein bisschen Neugier, ein bisschen Mondsucht ...
Meist sind es Wege die ich nicht freiwillig gehe, sondern Wege die ich befahre, wenn ich als "Mama-Taxi" unterwegs bin. Kostenfreies Dienstleistungsunternehmen, rund um die Uhr. Glücklicherweise hält sich das in Grenzen, die ich bereit bin zu akzeptieren. Gerade diese Fahrten offenbaren aber auch immer wieder Sonderbares, Lustiges, Spannendes oder Aufregendes.
Es gibt einige Geschichten die ich zu diesen nächtlichen Fahrten erzählen könnte. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ereignete sich Sonderbares.
Die Herren Söhne baten darum nächtens am Bahnhof abgeholt zu werden. Soweit so gut. Irgendwann während der Geisterstunde kam dann die verabredete SMS mit der genauen Ankunftszeit. Ich machte mich auf den Weg durch die Nacht.
Dörfliches nächtliches Nichts umgab mich, leere Straßen, ein sternklarer Himmel, fast noch Vollmond, hier und da ein einsamer Landwirt, der auf dem Feld Mais erntete. Ich kenne den Weg im Schlaf und "träumte" fahrenderweise vor mich hin. Kurve rechts, Kurve, links, Haarnadelkurve rechts ...
Doch dann, rechts auf einem Stück grader Landstraße - Reflexionen. Ein Augenpaar starrte mich aus dem Straßengraben an. Zwei grüne, leuchtende Lichtpunkte dicht über dem Boden. Ich trat auf die Bremse, fuhr langsamer, dachte an eine Katze. In Gedanken kommunizierte ich mit ihr: "Na, entscheide dich schon. Wo willst du hin? Über die Straße oder zurück ins Feld?" Eine Bewegung des Kopfes und der sich wegdrehenden Augen deutete mir an: "Ich will zurück ins Feld!" Gut dachte ich und gab wieder etwas Gas. Doch schwupps überlegte es ich das Tier anders. Abrupt bremste ich erneut, stand und staunte über das, was wenige Meter vor dem Auto die Straße überquerte. Was da weder sprang, noch hoppelte, sondern eher galoppierte war keine Katze, viel zu untypisch war der Bewegungsablauf. Dann dieser markant geringelte, buschige Schwanz. "Nein, das kann nicht sein.", dachte ich. Schüttelte den Kopf, als könnte ich mein Bild im Kopf damit klarer kriegen. Und doch ..., das Tier blieb vor dem Graben der anderen Straßenseite kurz stehen, schaute zurück, schaute mich an. Ich grinste. Zorro, mit der schwarzen Maske, kam mir in den Sinn, spitzbübischer Rächer der Armen. Das Tier verschwand zwischen hohen Gräsern in Richtung eines Teiches, der hinter einem Bürogebäude, am Rande des Gewerbegebietes liegt.
Mir ist nachts schon viel Getier begegnet, aber das war das erste Mal, dass ich einem freilebenden Waschbären begegnet bin.
Somit wäre nun auch klar, dass es bei uns Waschbären gibt. Mich wundern jetzt auch nicht mehr die zerrupften Gelben Wertstoffsäcke, die wir schon lange nicht mehr abends an den Straßenrand stellen können, weil sich ihr Inhalt bis morgens über die Straße verteilt hätte. Bisher hatten ich die Dorfkatzen in Verdacht. Es könnten also auch Waschbären sein, jene kleinen, drolligen Plagegeister die polarisieren. Entweder werden sie geliebt und gefüttert oder gehasst und vertrieben. Als erfolgreiche und anpassungsfähige Einwanderer haben sie bei uns keine natürlichen Feinde und nehmen rasant zu. Ich habe nichts gegen sie. Im Gegenteil, ich mag die kleinen Bären sehr gern.
Vor ca. 20 Jahren verschenkte ich einen Plüschwaschbären und im Laufe der sechs folgenden Jahre entstanden viele kleine Waschbärengeschichten, die ich zum Teil auch illustrierte. Sollte ich mich angesichts dieser Begegnung vielleicht mit diesen alten Geschichten beschäftigen? Sie auf - um-, überarbeiten, um herauszufinden, ob sie zu etwas taugen ...
Ab nächste Woche sind Ferien, Zeit genug zum Kramen in alten Kisten, um die Geschichten auszugraben und in Augenschein zu nehmen.
Ich hoffe, das war nicht meine erste und letzte Begegnung mit dem Waschbären und
ich hoffe auch, er entkommt den hiesigen Jägern und Autoreifen.
(Die Fotos stammen aus einer gekauften ClipArt Sammlung.)