Erinnerungen in der Stadt der 1000 Feuer
Das was heute Gegenwart ist hat längst seine Fäden in die Zukunft gesponnen, in das was einmal Gegenwart werden wird. Gestern habe ich die Vergangenheit gesehen und gespürt welch klebrige Finger sie noch in meinem Heute hat.

Nach fast 18 Jahren hatte ich Gelegenheit meiner Kindheit zu begegnen. Ich besuchte die Gegend in der ich bis vor 26 Jahren lebte und erschrak angesichts des Zustands der Gegend. Aus ehemals ansehnlichen Bauverein-Häusern wurden Eigentumswohnungen, die man aber keinesfalls als besonders gepflegt bezeichnen könnte. Na, vielleicht wird das noch..., das eine oder andere Haus hat schon eine sauber gestrichene Fassade.

Eines der Fenster, die hier fehlen und damals während einer Umbaumaßnahme zugemauert wurden, steht noch heute in meiner Garage und wartet immer noch darauf als Dekoelement zu Ehren zu kommen und in dieser heute zugewachsenen Einfahrt parkte später mein orangefarbener VW 1302 (Käfer). Ich konnte auch in das Haus hinein, in das ich mit sechs Jahren einzog und viele Erinnerungen wurden lebendig.

Viele dieser Erinnerungen hängen an diesem Hauseingang (nur die Tür ist inzwischen neu), in dem ich viele Jahre hindurch immer wieder mit der Freundin saß, zum Klönen, Glanzbilder tauschen, zum Rollschuhe an- und ausziehen, zum Doppel-Waldmeister-Wasser-Eis-schlecken oder zum Salinos mit Spucke auf die Hand kleben. Hier wurde die Blutsschwesternschaft besiegelt und vom Märchenprinz geträumt der uns eines Tages auf sein weißes Ross heben und entführen würde. Fast könnte ich sagen dieser Hauseingang war mein Kinderzimmer, denn ein eigenes Kinderzimmer hatte ich lange nicht. Erst als Jugendliche, in der Ausbildung, bezog ich eine kleine unbeheizte Mandsarde im Dachgschoss. Eigentlich war das Zimmerchen nur als Abstellraum und nicht als Wohnraum gedacht, trotzdem war ich glücklich endlich "eigene" vier Wände zu besitzen, auch wenn man es im Winter nur mit Schal, Mütze und Handschuhen dort aushalten konnte, bis ich einen eigenen Radiator bekam. Welch ein Luxus war das damals. Von dort konnte ich einige der 1000 Feuer im Abendhimmel sehen.

Estaunt hat mich das wackelige Geländer, das noch genauso aussieht wie zu der Zeit als ich es hinunterrutschte, selbst neue Farbe hat es nie gesehen und auch die Hintertür zum Hof, "zur großen Freiheit", ist immer noch die Gleiche. Auf dem Hof spielten wir Fernsehserien wie Salto Mortale oder Bonanza nach, auch Emma Peel war sehr beliebt.
Damals kam mir aber alles viel größer vor, liegt wohl daran das ich kleiner war. ![]()

Ich durfte einen Blick vom Balkon aus in Richtung damaliger Wohnung meiner Freundin machen, mit der ich heute seit über 46 Jahren befreundet bin. Wie oft wir uns damals dort Zeichen gaben.. , wenn die eine oder andere gerade ihren Stubenarrest absaß, oft hatten wir ihn auch gleichzeitig, vermag ich gar nicht zu sagen. ![]()

Ich besuchte meine ehemalige Grundschule und war erstaunt wie pötzlich ich Namen von Klassenkameraden und Lehrern parat hatte die ich längst vergessen glaubte.

Natürlich gab es auch einen Rundgang durch die Innenstadt, wo ich meine damalige Lehr- und dann Arbeitsstätte besuchte und den einen oder anderen Ort in Augenschein nahm, der ehemals Bedeutung für mich hatte.

Noch mehr Impressionen der Stadt habe ich in ein Album gepackt, wer mag kann sie sich dort ansehen. Der/die eine oder andere der/die hier mitliest wird sich sicher gern erinnern.. ![]()
Schön war auch das Gespräch mit einer ehemaligen Nachbarin, die mir noch Dinge verraten hat, die ich bis gestern nicht wusste. Es ist erstaunlich was das Gedächtnis im Gespräch alles wieder hergab, Namen von Geschäften, div. Anekdoten, besonders die Geschichten der peinlichen Missgeschicke die ich am liebsten aus meinem Leben streichen würde.
All das hat mich geprägt, lässt sich nicht verleugen, ist immer noch irgendwo vorhanden...und das was ich damals war, bin ich irgendwie ein bisschen auch heute noch... Einerseits ist das eine erschreckende Erkenntnis, aber andrerseits auch eine sehr schöne, denn das Kind, das damals dort lebte, lebt auch heute noch in mir. Das spürte ich recht deutlich als ich meinen Kindern spontane Gedankenblitze erzählte und wir über dies oder das herzlich lachen konnten. Zum Beispiel über einige verrückten Eskapaden die ich mir leistete und ich hörte mehrmals: "Nee, Mama, nicht im Ernst, oder?" Doch - auch Mama war mal "verrückt" und ist es ein klitzekleines bisschen heute noch.. ![]()
Sehr zu denken gegeben hat mir allerdings dieser Kanaldeckel dem ich in der Innenstadt begegnete - was ich damit anfangen und davon halten soll weiß ich noch nicht so recht. Ich hoffe es ist nicht der Zugang zur Unterwelt der da für mich reserviert ist....